An die Freude – Eine kritische Textanalyse des Alto-Chorlibrettos

Text und Noten zu An die Freude.

Libretto ist Text, der vertont wurde.

Noch 32 Tage bis zum Auftritt des Chores in Japan. Damit ich zumindest den Text der Alt-Stimme endlich vollständig in den Kopf kriege (freies Singen ohne Notenblätter beim Auftritt!) beschäftige ich mich auch hier mit ihm. Diesmal aus KritikerInnen-Perspektive. Historisches vorab: Schiller schrieb die erste Fassung seines Gedichtes 1785.  Der musikalische Hitzkopf Beethoven (1770-1827) nahm sich schon in seiner Jugend vor, das Gedicht zu vertonen. Er fand dann aber erst 1824, drei Jahre vor seinem Tod und schon schwerhörig, Zeit dafür.

Hier das Libretto für den Alto-Chor:

Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt, alle Menschen werden Brüder (1), wo dein sanfter Flügel weilt.

Ja, wer auch nur eine Seele sein nennt auf dem Erdenrund! Und wer’s nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund.(2)

Küsse gab sie uns und Reben, einen Freund geprüft im Tod; Wollust ward dem Wurm gegeben, und der Cherub steht vor Gott, und der Cherub steht vor Gott, steht vor Gott, vor Gott – vor Gott. (3)

Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, wir betreten feuertrunken, Himmlische Dein Heiligtum!

Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt. Alle Menschen werden Brüder, wo Dein sanfter Flügel weilt; deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt; alle Menschen werden Brüder, wo Dein sanfter Flügel weilt.

Seid umschlungen, Millionen! (4)

Diesen Kuss der ganzen Welt!

Brüder! Überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen. (5)

Ihr stürzt nieder, Millionen? Ahnest Du den Schöpfer, Welt? Such ihn überm Sternenzelt!

Über Sternen muss er wohnen, über Sternen muss er wohnen.

Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt, seid umschlungen, Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt!

Freude! Freude! Wir betreten dein Heiligtum!

Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium (6), wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum, dein Heiligtum!

Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt!

Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum!

Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuss der ganzen, ganzen Welt!

Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, wir betreten Himmlische, dein Heiligtum! (7)

Such ihn überm Sternenzelt! Brüder! Brüder! Überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen, ein lieber Vater wohnen.

Deine Zauber, deine Zauber binden wieder, binden wieder, was die Mode streng geteilt.

Alle Menschen, alle Menschen, alle Menschen, alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt. (8)

Deine Zauber, deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt.

Alle Menschen, alle Menschen, alle Menschen, alle Menschen.

Seid umschlungen Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt, der ganzen Welt!

Brüder! Überm Sternenzelt muss ein lieber Vater, ein lieber Vater wohnen, ein lieber Vater wohnen.

Seid umschlungen, seid umschlungen!

Diesen Kuss der ganzen Welt! der ganzen Welt! der ganzen Welt! Diesen Kuss der ganzen Welt! der ganzen Welt! der ganzen, ganzen Welt, der ganzen Welt! (9)

Freude, Freude schöner Götterfunken! schöner Götterfunken! (10)

Tochter aus Elysium! Freude, schöner Götterfunken! Götterfunken!

(Ende des Chor-Librettos für Alto)

Kritische Anmerkungen zum Chorlibretto für den Alto

1: Alle Menschen werden Brüder? Was für Methoden gab es da vor über 200 Jahren? Ohne Hormonbehandlung oder OP? 

2: Warum singe ich hier immer ‚aus diesem Grund‘? Bund, Bund, Bund! Nämlich all derjenigen, die, wie das Solo singt, ein holdes Weib errungen haben. Errungen durch Ehe, Gewalt oder Verführung wird nicht klar.

3: Lustfeindlich?

4: Das Zitat kannte ich bisher aus dem Flick-Korruptions-Skandal, liegt ja auch schon länger zurück.

5:  Hier ist vermutlich die Rede von Gott. Woher sollte Schiller auch wissen, dass Gott eine Frau ist? So weit war die Wissenschaft damals nicht.

6: Hier hat Schiller natürlich Recht. Die Freude ist weiblich. Und Elysium ist die Insel der Seligen. 

7: Stolperfalle: Hier fehlt in der sich sonst wiederholenden Zeile das ‚feuertrunken‘! Plus: Es ändert sich dauernd die Melodie der Zeile. Darf Beethoven das?

8: Melodisch der schönste Moment, jedoch textlich eher unauffällig. 

9: Sehr viele Wiederholungen. Zeilenhonorar?

10: Probleme mit Groß- und Kleinschreibung nach Satzzeichen. 

Fazit der kritischen Textanalyse von An die Freude:

Auch wenn An die Freude, so wie Schiller es selber meinte, nicht sein Meisterwerk ist und sehr populär: Es macht Freude das Stück zu singen. Außerdem wirkt es heuristisch nachweislich transformativ.

Weitere Studien erforderlich. Und vor allem mehr Praxis.

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