Wendepunkte erkennen — Das Krise/Scheiße-Chance/Gold-Prinzip

Wendepunkte 27

Sich wendende Punkte:
Stimmt die eigene Richtung noch?

Ob MotivationstrainerInnen aller Orten und Arten oder Spirituelle wie Thich Nhat Hanh, ob „the bigger the problem, the bigger the opportunity“ (Je größer das Problem, desto größer die Gelegenheit) oder „ohne Schlamm kein Lotos“: Scheinen diese Weisheiten derzeit nur mir so provozierend allgegenwärtig? Oder sind sie tatsächlich Trend in interessanten (um nicht zu sagen: schwierigen) Zeiten?
Worauf können Menschen sich verlassen, wenn der Wind des Wandels ihnen so eiskalt um die Ohren weht, dass der Fall auf Nase oder Hintern plötzlich realistische Optionen scheinen? Wie genau können dann eine Lösung noch gefunden, eine Lehre gezogen werden?
Die forschungsleitende Frage ist also: Steckt hinter den Krise/Chance-Versprechen mehr als Durchhalteparolen und schwacher Trost?

Wunschdenken und Beweisbarkeit

Ganz früher waren es die Schamanen, die — in der Kälte um das Feuer tanzend — um Unterstützung aus der anderen Welt baten, um Wendungen herbeizuführen. Belastbare Ergebnisse, abgesehen von besonders schönen Zeichnungen, sind uns leider nicht überliefert. Jahrhunderte später waren es Alchemisten wie Johann Friedrich Böttger, die unter dem Druck standen, für ihre aristokratischen Auftraggeber aus unedlen Metallen Gold und Silber herstellen zu müssen. Hier steht zumindest ein nachhaltiges, wenn auch zerbrechliches, Ergebnis auf dem Tisch: Porzellan.
Und aktuell? Dazu hier drei Wendepunkt-Assoziationen aus unterschiedlichen Bereichen:

Wendepunkte und die Phasen der Kreativität

Die vier Phasen des kreativen Prozesses nach Graham Wallas — Preparation, Inkubation, Illumination und Verifikation — werden als universelles Prinzip bezeichnet. Auf die erste Phase, Preparation, dem Erkennen eines Problems und intensiver Informationsaufnahme, folgt meist nicht sofort die „Lösung“, sondern zunächst eine Inkubationsphase. Hier wird das Problem, geschweige denn eine mögliche Lösung, oft sogar bezweifelt. Es wird bewusst oder unterbewusst Platz gemacht für geistige Erholung, das größere Bild, die metaphorische rechte Gehirnhälfte, das „Künstlerhirn“. Gleichförmige rhythmische Bewegungen und Geräusche regen hier den Ideenfluss an. Viele Menschen haben die besten Einfälle unter der Dusche, beim entspannten Spazierengehen oder — wie angeblich Steven Spielberg — im Auto, beim Einfädeln in den Highway-Verkehr. Die aus dem Unterbewusstsein auftauchende Illumination ist, mit ein bisschen Glück, die Lösung. Die letzte Phase, die Verifikation, lässt Raum zum Testen.

Pivotpunkte in den Schädelnähten

„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, schrieb Francis Picabia. In der Anatomie wird davon ausgegangen, dass auch bei Erwachsenen die Schädelknochen nicht fest, also knochig, miteinander zur Schädelkalotte verwachsen sind, sondern bindegewebig: Es findet zwischen den 23 Schädelknochen regelmäßige Bewegung statt. In der craniosacralen Osteopathie werden die Nähte der einzelnen Knochen zueinander genau betrachtet, bzw. erfühlt. In den Nähten, Suturen genannt, liegt der eine Knochen über dem anderen, bestimmt also dessen Beweglichkeit. In manchen Nähten zwischen zwei Schädelknochen, zum Beispiel der Sutura Coronalis zwischen dem Stirnbein und den Scheitelbeinen, wechseln sich auf der Strecke der Naht die Knochen in ihrer Position ab: Rechts liegt das Scheitelbein oben, etwa nach einem Viertel der Strecke, zentral also, das Stirnbein. Dann, nach Dreiviertel der Naht, dann wieder das Scheitelbein. Diese Wendepunkte, sogenannte Pivotpunkte, ändern so die Richtung der Knochenbewegung.

Wendepunkte in der Dramaturgie

In der Dramaturgie wird der entscheidende Wendepunkt, der Umschlag des Glücks, seit Aristoteles ‚Peripetie‘ genannt. Schlimmstenfalls führt eine solche Peripetie zur Katastrophe. Bestenfalls zur Auflösung des Knotens, also zu einer Entwicklung hin zu einem glücklichen Ende. Besonders wirkungsvoll ist eine solche Peripetie, wenn sie mit einer Erkenntnis über eine Person oder einen Sachverhalt zusammenfällt. So wie Ödipus gegen Ende des Dramas erkennt, dass er seine eigene Mutter geheiratet hat. Oder eine romantische Heldin plötzlich versteht, dass die Frau, die ihr Liebesobjekt in den Armen hielt, dann doch nur seine Schwester war. Die meisten Geschichten erzählen eine Entwicklung des Charakters des Helden oder der Heldin. Sie bewältigen einen Konflikt, aus dem sie charakterlich gestärkt hervortreten. Diese Reise führt durch die ‚dunkle Nacht der Seele‘, am Ende des Tunnels ist dann Licht. Und meist alles wieder, oder erstmals, gut.

Erzählen wir uns also selber nur eine Geschichte, wenn wir glauben, dass ein Konflikt immer seine eigene Lösung beinhaltet? Immer stimmt nie. Am besten lernen wir wohl aus den Wendepunkten des eigenen Lebens. Hätten wir die Wendung früher erkennen können? Haben wir die ersten Anzeichen übersehen? Was sicher auch hilft: Mit anderen, vertrauenswürdigen Menschen über die aktuellen Konflikte zu reden. Dabei kann sich, heraus aus der konzentrierten Identifikation mit dem „Problem“, die Perspektive für eine weitere Sicht, das größere Bild, eine mögliche Lösung öffnen.

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