Ihre hochsensiblen Seiten: Hochsensibilität als Gabe

Susanne Hake und 26 andere schreiben über ihre Erfahrungen mit Hochsensibilität.

26 Coaches und TherapeutInnen schreiben für Hochsensible.

Der Autor und Moderator der Neuerscheinung Mein HSP-Coach betreibt die Webseite www.hochsensibel-test.de seit 2011. Zunächst unter einem anderen Namen. Warum? Weil Stefan Kunkat nicht nur hochsensibel ist, sondern auch Führungskraft. Und zwar bei der Polizei. Mit diesem Buch nennt er sich beim Namen.

Meinen Beitrag finden Sie im Kapitel Hochsensibilität als Gabe. Von Seite 228-235 und jetzt auch hier:

Mehr Power und Erfolg für Hochsensible – Susanne Hake

Es war Kristin[1] von weitem anzusehen, wie es ihr ging. „Viel zu gut!“ So hätte sie sich noch vor kurzem ausgedrückt. Aus Angst, es nicht wert zu sein und für ihren Übermut „vom Universum gleich wieder eins auf den Deckel zu bekommen“. Stattdessen rief sie: „Ich hab den Job!“ Glücklich lächelnd verkörperte Kristin nun, dass sie gelernt hatte, nicht nur zu geben, sondern auch anzunehmen. Sie schaute mich herausfordernd an: „Sie fragen ja gar nicht, ob er die Frage gestellt hat!“ Da war sie noch, ihre strenge Beharrlichkeit, doch sie hatte inzwischen nahezu spielerischen Charme. „Hat er?“, fragte ich. Sie nickte. Ich schüttelte den Kopf. Viele der Verantwortlichen der Personalabteilungen hatten sich diese Frage offensichtlich immer noch nicht abgewöhnt: Was sind Ihre Stärken und Schwächen?

Konnte jemand in einer Bewerbungssituation überhaupt ehrlich sein? Und warum wird diese Frage so vielen meiner KlientInnen noch immer gestellt? „Haben Sie mit Version A oder Version B geantwortet“, fragte ich weiter. Kristin setzte sich diesmal nicht an den Arbeitstisch in meiner Praxis, sondern in den Sessel mit Blick in den Hof: „B.“ Ich nahm ihr schräg gegenüber Platz: „Alle Achtung.“ Das hieß, Kristin hatte sich ihrem zukünftigem Arbeitgeber gegenüber wahrhaftig verhalten und nicht, wie in der üblichen Version A, raffiniert-zynisch eine Stärke zu einer Schwäche umformuliert. Dann musste die Person und der zukünftige Arbeitsplatz das wert gewesen sein. „Wie genau?“ „Als Stärke meine Sensibilität.“ Den Teil hatte sie, das Strahlen in ihren Augen verriet das, begriffen. „Stimmt.“ „Und als Schwäche…“, das war schon fast ein Grinsen, das da auf ihrem Gesicht entstand, „…meine Sensibilität.“ Wow, das berührte, mich zumindest. „Wie hat er reagiert?“ „Gelacht, noch lauter als ich.“ Ich atmete auf. Kristin würde, wie von ihr gewünscht, Führungskraft – und damit glücklicher – sein.

Die mobile Komfortzone

Kristin zählt zu den Hochsensiblen, die spüren, dass die angebliche Komfortzone kein wirklich komfortabler Ort ist. Unter der dort unweigerlich aufkommenden Langeweile fühlte sie Unbehagen. Sie wollte sich nicht betäuben müssen, um ihre Wahrnehmung ignorieren zu können. Auch nicht mit blindem Aktionismus. Eigentlich. Doch als sie das erste Mal in meine Praxis kam, war sie schon wieder kurz davor gewesen, auf unterer Ebene in ein zum Scheitern verurteiltes IT-Großprojekt einzusteigen. Was fehlte ihr?

Rein kognitiv gesehen: Ein belastbares Denkmodell. Denn tatsächlich sah Kristin keine Alternative dazu, sich dem vermuteten Weltbild anzupassen, das für ihre Mitmenschen zu funktionieren schien: Die Komfortzone ist eine Scheibe, drum herum lauert der Abgrund, ein mit Ungeheuern durchseuchter kalter Urozean. So weit, so schrecklich. Doch was, wenn es zwischen der langweiligen Komfortzone und der angsterfüllten Panikzone noch eine andere gäbe? Das Lernzonen-Modell eröffnet ein neues Feld, die Lernzone und damit neue Möglichkeiten. Kristin hatte schon bald ihr praktisches Aha-Erlebnis: Dieser Zustand in der Lernzone, zwischen Langeweile und Angst, war das nicht genau der, der auch Flow genannt wurde? Dieser nahezu rauschhafte Zustand zwischen Unter- und Überforderung?

Lernzonen-Modell nach Senninger: Komfortzone, Lernzone, Panikzone

Lernzonenmodell nach Senninger, 2002

Kristin lernte gerne und viel. Unter anderem, dass ihr persönlicher Raum nicht erst an ihrer Haut aufhörte, sondern sie mindestens 45 Zentimeter um sich herum als Schutzgebiet begreifen durfte. Hier konnte sie sich, aufrecht und geerdet, sicher fühlen. So trat Kristin auch beruflich in die Lernzone. Statt wie gewohnt, wie ein gehetztes Kaninchen horizontal hakenschlagend von einem Job zum nächsten zu flüchten, eignete sie sich weiteres Fach- und Führungswissen an. Sie wagte den Schritt nach oben.

Aus dem Nebel in die Klarheit

Ich absolvierte Ende der 90er Jahre eine dreijährige Ausbildung in Integrative Bodypsychotherapy (IBP) bei Jack Lee Rosenberg. Seitdem halte ich nicht nur Wahrnehmungs- und Körperarbeit für immens hilfreich für Hochsensible, sondern auch geistige und emotionale Klarheit. Zunächst sich selbst, seinen Absichten und Zielen gegenüber. Viele Hochsensible sind verständlicher Weise erleichtert, wenn sie mit dem Begriff „Hochsensibilität“ eine Erklärung für ihr Anderssein gefunden haben. Doch musste ich oft beobachten, wie sich einige in das verlieren, was Carolyn Myss als Wundologie bezeichnet: Die narzisstische Identifikation mit den eigenen Verletzungen. Hochsensibilität ist ein Phänomen, das oft irrlichternde Energie und raffiniert verkleidete Schatten mit sich bringt. Kaum etwas verursacht mehr unnötiges inneres und äußeres Drama als die Hochsensibilität. Kann das Phänomen der eigenen Hochsensibilität, die Stärken und die Schwächen, entspannter betrachtet werden?

„Jeder Mensch ist in gewisser Hinsicht a) wie alle anderen Menschen, b) wie einige andere Menschen, c) wie kein anderer Mensch.“ Clyde Kluckhohn und Henry A. Murray

Ich bin überzeugt, dass jede und jeder Hochsensible, im Sinne des obigen Zitats a) Mensch mit menschlichen Bedürfnissen ist, b) durch die spezielle neuronale Konstitution zur Gruppe der Hochsensiblen gehört, c) einzigartig ist und eine beruflich verwertbare Einzigartigkeit in sich entdecken kann.

Als ganzheitliche Kommunikationsberaterin und Coach mit dem beruflichen Hintergrund Werbung und Spielfilmregie einerseits und Körperpsychotherapie und Osteopathie andererseits, halte ich es für wichtig, dass Hochsensible für sich selbst definieren, was Erfolg für sie bedeutet. Die individuelle Definition ist meist anders als die der Eltern, des Finanzamts oder der von Hochglanzmagazinen.

Wie auch immer Sie also beruflichen Erfolg bestimmen, er wird mit einer passenden Position verbunden sein. Entweder unabhängig von einer Hierarchie oder häufig zwar in einer solchen, aber höher als bisher. Warum? Nach meiner Erfahrung sind herkömmliche Hierarchien für Hochsensible besonders stressig.

Die amerikanische Sozialpsychologin Amy Cuddy erwähnt in ihren Vorträgen Studien an Primatengruppen, aus denen hervorgeht, dass der Stresslevel für ein Mitglied nachweislich sinkt, sobald es in der Hierarchie aufsteigt. Klar, Affen machen keine Überstunden und haben keine Steuerprogression, doch auf der körperlich-emotionalen Ebene lässt sich dieses Ergebnis auf Menschen übertragen: Je höher sie in der Realität einer Hierarchie stehen, desto weniger stresshormonell belastet sind sie.

Lohnt es sich also für feinsinnige Menschen, beruflichen Aufstieg anzustreben? Prof. Dr.med. Dipl.-Psych. Borwin Bandelow formulierte es, zumindest für schüchterne Menschen, so: „Wenn Sie das deutliche Gefühl haben, dass Leute, die Ihnen nicht das Wasser reichen können, über Sie bestimmen oder sich besser durchsetzen können, sollten Sie all Ihre Raffinesse dransetzen, um die Ihnen zustehende Position zu erreichen. Der Klügere sollte nicht immer nachgeben – denn das würde konsequenterweise zur Weltherrschaft der Schwachköpfe führen.“

Kristin erkannte, dass mehr berufliche Verantwortung sie auf erfreuliche Weise aus der Opferrolle führen konnte.

Die Schritte, um die eigene Geschichte zu ändern

Kein Mensch ändert sich gerne, auch nicht um erfolgreicher zu werden. Doch davon ausgehend, dass jeder Mensch seine eigene Welt durch diverse Filter und Geschichten gestaltet, gibt es einen funktionierenden Hebel: Lediglich die Geschichten, die sich diese Person über sich selber, die Welt und andere Menschen erzählt, zu ändern. Denn oft sind es genau diese Geschichten, die zwischen der Person und ihrem Erfolg steht. Wie das funktionieren kann, werde ich im Folgenden schildern. Das Beste: Das Wesentliche, die Einzigartigkeit der Person, bleibt dadurch unberührt. Der beruflich verwertbare Teil der Einzigartigkeit wird, vorausgesetzt die Geschichten wandeln sich in realistischere, sogar deutlicher und überzeugender.

Von diesen Erfahrungen und Gedanken inspiriert, entwickelte ich im Jahr 2008 STORYdynamics®. Ziel der Methode ist es, selbstbestimmter zu leben, indem die eigenen Geschichten erkannt und gegebenenfalls geändert werden. Die fünf ersten Buchstaben von STORYdynamics®, S. T. O. R. Y., stehen dabei für die fünf Schritte dieses Geschichten-Veränderungsprozesses:

  • Situation
  • Transformation
  • Organisation
  • Rekreation
  • Yippie!

Im Einzelnen funktioniert dieser Prozess, den auch Kristin durchschritt, folgendermaßen:

Situation Heben Sie Ihre verborgenen Schätze

In diesem Schritt geht es darum, Bestandsaufnahme zu machen, tiefer zu graben und sich sowohl die offiziellen als auch die inoffiziellen Geschichten anschauen. Denn die wirklichen Stärken liegen oft im Schatten, beziehungsweise sind sie für andere offensichtlich, doch für einen selbst nicht.

Hier erkannte Kristin nicht nur ihre bereits vorhandenen Führungsqualitäten, die sie nie als solche wahrgenommen hatte. Sie stellte auch fest, dass und wie sie sich selber sabotierte, indem sie sich ungenügend abgrenzte, unklar kommunizierte und stärkende Möglichkeiten und Angebote schlicht übersah. Ein Teil ihrer Kräfte war noch in alten, negativen Geschichten gefangen. Sie entschied sich, den beteiligten Personen zu verzeihen, vor allem auch sich selbst.

Transformation Vergegenwärtigen Sie sich Ihre Vision

In diesem Schritt geht es um ganzheitliche Zielsetzung. WissenschaftlerInnen wie Debra Johnson und Jeffrey Alan Gray zeigten in ihren Studien, dass introvertierte Personen (Ca. 70% aller Hochsensiblen sind, so Elaine Aron, introvertiert) schwer von außen zu motivieren sind. Deshalb muss der Zugang zu Zielen ein anderer als der Übliche sein. Denn auch von innen kommende Träume, Wünsche und Begehren, lassen sich verwirklichen. Bei diesem Schritt formulierte Kristin gleich vier für sie persönlich sehr motivierende Visionen:

  • Eine „schamlos egoistische“ für sich selbst.
  • Eine für das Team, das sie in Zukunft leiten wollte.
  • Eine für ihre Familie und ihre FreundInnen.
  • Eine für die weitere Entwicklung der Menschheit.

Organisation Entwickeln Sie Strukturen und Strategien

In diesem Schritt entsteht ein konkreter Plan, um die eigenen Visionen zu verwirklichen. Auf dem Weg zum Ziel liegen Hindernisse. Einige davon sind schon vorher absehbar, andere nicht. Welche Allianzen bestehen bereits, welche können noch gestaltet werden? Welche Ressourcen sind vorhanden, wie können diese effektiv eingesetzt werden? Und: Wie gehe ich mit gefühlten Misserfolgen um und erkenne gegebenenfalls etwas Wegweisendes darin?

Hier prüfte Kristin ihre bisherigen Gewohnheiten und ihre Umgebung: Mit was fühle ich mich wohl? Mit was nicht? Wie sind meine Grenzen rechtzeitig spürbar? Welche Personen sind gut und/oder unterstützend für mich? Von welchen nehme ich lieber liebevoll Abstand? Diese Klärung setzte Zeit und Energien frei, die Kristin in zielführendes Lernen, Entwicklung und Durchführung ihres Plans investierte.

Rekreation Entspannen Sie, um zu optimieren

In diesem Schritt geht es darum, Entspannung zu lernen. Gerade für Hochsensible ist es hilfreich, sich im eigenen Körper geerdet und wohl zu fühlen. Das vegetative Nervensystem, vor allem der verdauungs- und heilungsfördernde Anteil, der Parasympathikus, ist dabei der beste Verbündete. So gestärkt, wird ein frischer Blick auf Vision, Plan und Umsetzung geworfen. Rekreation bedeutet nämlich auch Wiedererschaffen, hier im Sinne von Verbesserung und Optimierung.

Kristin stellte sich, nach einigen Feldversuchen, ein tägliches und ein mindestens zweimal wöchentliches Entspannungs- und Trainings-Programm zusammen. Wichtigstes Kriterium war für sie, dass das körperliche Üben sie auch emotional stabilisierte – und ihr Spaß machte. Für sie war das ein täglicher, mindestens 20-minütiger langsamer Mittagspausen-Spaziergang durch den Park. Und zweimal die Woche Aikido. Dabei und danach hat sie ihre besten Ideen.

Yippie! Feiern Sie Happy Ends und neue Starts

 Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, das neu Gelernte zu sondieren und definitiv zu entscheiden: Was aus meiner Vergangenheit möchte ich mit in die Zukunft nehmen? Was lieber nicht? Was kann und will ich ganz konkret in der Gegenwart unternehmen, um meine Vision zu verwirklichen? Täglich, wöchentlich, monatlich, digital und analog, alleine und vor allem auch zusammen mit anderen Menschen.

Kristin, die früher vor Entscheidungen eher zurückschreckte, sah diese inzwischen als aufregenden Teil der Lernzone. Und oft, zum Beispiel beim Thema Netzwerken, erkannte sie, dass es gar nicht immer um eine Entscheidung geht, sondern oft auch um eine Wahl. Ihre freie Wahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten.

Ein hoffnungsfrohes Fazit

Für Kristin ist die Sensibilität nicht nur eine Stärke und Schwäche, sondern sogar ein Wert. So wie die anderen Werte, die sie in ihrer neuen hochdotierten Position wirklich lebt: harmonische Zusammenarbeit, Produktivität und Transparenz. Das motiviert sie, auch als introvertierte Hochsensible, jeden Morgen neu.

Jede und jeder Hochsensible ist in bestimmter Hinsicht so wie kein anderer Mensch. Was bedeutet das für Sie? Und: Was ist Ihr nächster Schritt?

[1] Alias-Name.

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