Die vier Gründe der Redeangst und die Schlange vor dem Kopierer

Prinzessin

Drama! Die Angst ist ein raffiniertes Stück. ©depositphotos.com/interactimages

Gerade bereite ich eine Ausbildungsrede für meinen Rhetorik-Club vor. Das Thema konnte ich mir unter 20 anderen auswählen. Es gibt sogar schon einen vorgefertigten Text für die Rede, doch es steht mir frei, den zu ändern und eigene Worte zu wählen. Glücklicherweise. Denn ich habe mir „Redeangst überwinden“ gewählt und bin zum Teil von den Inhalten überrascht. Größtenteils positiv. Denn die Angst wird auch körperlich begriffen und angegangen. Eben nicht „kontrolliert“, wie der Original-Titel Controlling Fear zunächst suggeriert. Doch da stehen auf einer der Präsentationsfolien tatsächlich vier Anxiety Trigger. Vier. Warum nicht mehr? Warum nicht weniger?

Eine wissenschaftliche Studie über die guten Gründe für menschliches Verhalten

Ellen Langer und ihr Team führten an der Harvard University schon 1977 eine Studie zum Thema durch. Und zwar so: ForscherIn näherte sich einer Person, die am Kopierer wartete, mit der Absicht vor ihr an die Reihe zu kommen. Dabei wurde nicht gedrängelt, sondern zivilisiert jeweils eine von drei möglichen Anfragen gestellt:

  • Version 1, nur Anfrage: „Entschuldigen Sie, ich habe fünf Seiten. Kann ich den Kopierer benutzen?“
  • Version 2, Anfrage mit tatsächlichem Grund: „Entschuldigen Sie, ich habe fünf Seiten. Kann ich den Kopierer benutzen, weil ich in Eile bin?“
  • Version 3, Anfrage mit vorgeschobenem Grund: „Entschuldigen Sie, ich habe fünf Seiten. Kann ich den Kopierer benutzen, weil ich Kopien machen muss?“

Ihnen fällt sicher auf, dass Version 3 absurd ist. Um so mehr wird Sie das Ergebnis überraschen.

  • Version 1: 60 Prozent ließen ForscherIn vor.
  • Version 2: 94 Prozent ließen ForscherIn vor.
  • Version 3: 93 Prozent ließen ForscherIn vor.

Ja, so freundlich sind die Menschen, die vor einem Kopierer stehen. Ich weiß jetzt nicht wie einschüchternd oder freundlich die ForscherInnen um Frau Langer sich gaben, doch offenbar hat es funktioniert. Gleich, ob der Grund für den Gefallen gut war oder nicht: Hauptsache es gab einen. Über die Hälfte der Befragten, 60%, waren ohnehin auch ohne jeglichen Grund bereit, einen Gefallen zu gewähren. Mit gutem Grund 34% mehr, mit nicht belastbarem Grund nur 1% weniger! Was hätten Sie gemacht, wenn Sie vor dem Kopierer angesprochen worden wären? Hätten Sie auf Version 3 nicht in etwa so reagiert: „Sie müssen Kopien machen? Ich auch. Stellen Sie sich bitte an so wie jeder andere.“ Die Realität ist offenbar anders.

Das Fazit für Ängste

Menschen lieben Gründe, auch wenn sie noch so absurd sind. Unsere Angst, kein bisschen dümmer als wir selber!, liefert uns deshalb gerne Gründe, um uns vor neuen Erfahrungen und damit möglichem Wachstum zu schützen. Selten sind es wahre Gründe, oft sind es vorgeschobene, nicht haltbare, im Grunde absurde Gründe.

Prüfen Sie einfach Ihre eigenen Gründe. Zum Beispiel die Gründe dafür, kein Selbstmarketing zu betreiben. Oder Ihre Berufung nicht zu leben. Oder nicht zu sich selbst zu stehen. Ich werde derweil, zur Zeit im 14-tägigen Abstand, die vier Trigger für Redeangst vorstellen und prüfen.

 

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