Authentisch sein — Pro und Contra

Authentisch sein David 27

Nicht authentisch: Der David auf der Piazza ist nur eine Kopie*

„Authentizität, da wissen die meisten doch nicht einmal wie es geschrieben wird“, sagte vor ein paar Jahren eine Kollegin zu mir. Es gibt ein Buch mit dem Titel „Sei nicht authentisch“. Eine amerikanische Marketing-Beraterin sagte auf der Bühne gar: „Authenticity is the new bullshit“.

„Authentizität“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Echtheit im Sinne eines Verbürgten“. Schon zur Zeit der alten Griechen wurde der Begriff im Sinne einer Autorenschaft und auch „der Absicht des Autors folgend“ verwendet. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurde Authentizität viel diskutiert. Bedeutet authentisch sein, dass wir uns so darstellen müssen, wie wir uns fühlen? Dann wäre es wohl meistens authentisch, morgens erst gar nicht aufzustehen. Geschweige denn, überhaupt zu arbeiten. Auch würden so manche Redner und viele Rednerinnen nicht die Bühne betreten, dem Lampenfieber nachgeben, um nicht in der Verdacht der Inauthentizität zu geraten.

Authentizität in der Rhetorik

In der Rhetorik wird „Authentizität“ als Inszenierung betrachtet. Einerseits der des Redners oder der Rednerin und andererseits der des Textes. Der Text soll nicht als konstruiert zu erkennen sein und der Redner oder die Rednerin selbst, vor allem auf die Redeabsicht bezogen, wahrhaftig und glaubwürdig wirken. Und hier kommen wir zu dem heiklen Thema Selbstmarketing. Wir sind uns einig, dass Selbstmarketing mit Selbstdarstellung verbunden ist?

Authentizität und die zwei Arten der Selbstdarstellung

In der Wissenschaft ist von ‚authentischer Selbstdarstellung‘ keine Rede. Selbst die „therapeutische Selbstenthüllung“ wird nicht als authentische Selbstdarstellung bezeichnet. Robert Arkin, ein Sozialpsychologe, unterscheidet zwischen akquisitiven und protektiven SelbstdarstellerInnen. Akquisitive SelbstdarstellerInnen möchten einen positiven Eindruck machen und Erfolg haben. Protektive SelbstdarstellerInnen hingegen konzentrieren sich darauf, möglichst wenig Angriffsflächen zu bieten, sich zu schützen. Besonders interessant: Die Forscher Laux und Renner fanden heraus, dass ausgerechnet akquisitive Selbstdarstellung positiv mit dem Bedürfnis nach einer ‚authentischen Selbstdarstellung‘ verknüpft ist. Die protektive Selbstdarstellung nicht.

Authentizität und Selbstüberwachung

Laux und Renner fügten den Aspekt der Selbstüberwachung hinzu. Zu den Gedanken, die der akquisitiven Selbstbeobachtung zugeordnet werden, zählen:  “Sobald ich weiß, welches Verhalten eine bestimmte Situation erfordert, kann ich mich problemlos darauf einstellen“ sowie „Ich kann mich ziemlich gut auf meine Intuition verlassen, wenn es darum geht, die Gefühle und Motive anderer zu verstehen“. Protektive Selbstüberwachung bedeutet, ganz andere Gedanken zu haben: „Ich bin nicht immer die Person, die ich vorgebe zu sein“ und „Ich versuche die Reaktionen anderer auf mein Verhalten zu registrieren, damit ich mich nicht ins Abseits stelle“.

Ganz schön traurig, was? In spätestens 14 Tagen kommt hier dann das Pro-Argument für’s authentisch sein – ein völlig anderer Zugang dazu.

* Das Original, der authentische David von Michelangelo, steht in der Galleria dell‘ Accademia in Florenz

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